Plattenhäuser

Nachdem 1942 und 1943 infolge der alliierten Bombenangriffe der Wohnraummangel im Deutschen Reich immer mehr zunahm, wurden unter anderem durch Albert Speers Beauftragten für Normierung, Ernst Neufert, verschiedene Versionen so genannter „Familienwohnbaracken“ bzw. „Schnellbauwohnungen“ entwickelt.

In dem zum Klinkerwerk Neuengamme gehörenden Betonwerk wurde ab November 1943 der industriell vorgefertigte „Sondertyp 125“ produziert, der wegen seiner Konstruktion aus Betonplatten auch unter dem Begriff „Plattenhaus“ bekannt war. Noch im November und Dezember 1943 wurden 17+840 Fertigteile hergestellt. Der ehemalige Werksleiter des Klinkerwerks, der Ingenieur Werner Kahn, berichtete, dass im Klinkerwerk ein eigener Typ entwickelt worden sei, wobei sich dies aber vermutlich auf die innere Aufteilung bezog.

Der Sondertyp 125 bestand aus 16 cm ×16 cm starken und 3,00 m hohen Betonpfeilern, die mit Nuten versehen waren, und aus 35 cm × 114 cm großen Betonplatten, die an den Kanten über in die Nuten passende Federn verfügten. Durch die Zugabe von Sägemehl als Zuschlagstoff erhielten die Platten einen höheren Dämmwert und waren nagelbar. Die Pfeiler wurden 50 cm tief im Boden verankert, anschließend ein Boden aus Beton geschüttet und die Platten zwischen den Pfeilern eingesetzt. Das Dach wurde dann durch vorgefertigten Dachbalken und Betonplatten zusammengefügt. Durch dieses System konnten die Plattenhäuser zügig errichtet werden. Meistens durch KZ‑Häftlinge oder Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erfolgte die Aufstellung ganzer Siedlungen. Die Fenster und Türen und die kompletten Inneneinrichtungen für die Plattenhäuser wurden in großer Stückzahl in der erheblich erweiterten Tischlerei des Klinkerwerks hergestellt.

Im KZ Neuengamme selbst wurden am Neuen Heerweg (heute Jean-Dolidier-Weg) unmittelbar neben dem Verwaltungsgebäude der DESt drei der „Schnellbauwohnungen“ errichtet. Die Plattenhäuser wurden in den Geschäftsjahren 1943 und 1944 der DESt nach den zerstörungsreichen Bombenangriffen auf Hamburg im Rahmen der Wohnraumbeschaffung für „Gefolgschaftsmitglieder“ errichtet und dienten gleichzeitig als Musterwohnungen, die bei Bedarf besichtigt werden konnten. Die drei Plattenhäuser waren in ihrem Äußeren identisch, unterschieden sich aber in der Innengestaltung und der Einrichtung.

Am 2. Mai 1945 wurde das von der SS geräumte Konzentrationslager Neuengamme von der britischen Armee übernommen. Nachdem die britische Militärverwaltung das Gelände kurzzeitig als Lager für Displaced Persons (DP‑Camp) und als Lager für deutsche Kriegsgefangene genutzt hatte, wurde ab November 1945 ein ziviles Internierungslager, das „Civil Internment Camp No. 6“ (CIC 6), eingerichtet. In den Plattenhäusern wurden teilweise Überlebende des KZ Neuengamme untergebracht.

Am 6. September 1948 wurde das Gelände an die Hamburger Gefängnisbehörde übergeben, die es als „Männergefängnis Neuengamme“ weiternutzte. In den Plattenhäusern wurden nun Unterkünfte für Justizbedienstete eingerichtet.